Willkommen in Deutschland
Die drei Wochen Argentinien waren für mich sehr erholsam. Es ist ein wunderschönes, aufregendes Land, gute Leute, und ich möchte wieder zurück.
Ich konnte alles zurücklassen und mich auf ein Abenteuer einlassen. Doch bald musste ich heim. Zum Glück verschlief ich den Atlantik und keine Mahlzeit, stieg aus und wurde gleich von Deutschland begrüßt.
An der Passkontrolle, wo zwei Schilder (links EU-Bürger, rechts alle anderen) gegen drei Flughafenmitarbeiter, mit Button "Problems? Ask me!" anschrien, die es wohl besser wussten, als die Schilder, rief gleich einer der Mitarbeiter: "SOLL ICH DIE PEITSCHE HOLEN ODER WAS?".
Am Kofferband trafen wir dann auf eine Frau. Wir standen eine Weile am Band zusammen, starrten auf das Band, das sich nicht bewegte, und Koffer waren nicht zu sehen. Ihr Telefon klingelte. „Oh, hi“, sagte die Frau, „ich kann gerade nicht. Ich muss aufpassen, dass ich meinen Koffer kriege."
Ich sah auf das Kofferband. Keine Bewegung.
„Ja, ja“, die Frau versuchte, das Gespräch abzuwürgen, „aber das ist jetzt wichtig, ich muss meinen Koffer bekommen."
Ich stellte mir vor, dass am Ende des Kofferbandes ein Hochofen aufgebaut wurde. Du hast eine Chance, dann gehören deine Sachen dem Hochofen. Wäre fein für mich: Im Koffer war ohnehin nur dreckige Wäsche. Weniger waschen.
"Du, ich rufe dich gleich an. Mein Koffer. Ja, ich melde mich gleich", sagte sie und legte auf.
Willkommen in Deutschland.
Jetzt sind schon einige Tage vorbei. Der Jetlag geht zurück und nun sitze ich wieder hier in meinem neuen Leben.
Das Studium ist spannend, ich lerne neue Dinge, neue Funktionen. Aber mich lässt ein Gedanke nicht los: Wo sind die Leute, die keine Peitsche brauchen? Wo sind die Leute, die nicht auf Effizienz, auf Geld, sondern auf gemeinschaftliches Leben, Geschichten, Abenteuer aus sind?
In Argentinien trafen wir sehr spannende Menschen. Argentinier natürlich, aber auch Franzosen, Deutsche und Schweizer. Unsere Begegnungen mit Deutschen waren recht deutsch. Sehr zurückhaltend. Sehr formal. Nein, ich muss mich korrigieren. Wir haben eine lustige Gruppe Deutscher getroffen. Ausgewanderte.
Auf der Reise tauscht man sich aus und lernt sich kennen. Es ist so unbeschwert mit anderen Kulturen. Es ist schon surreal für mich. Besonders, wenn wieder jemand von "deutscher Kultur, die geschützt werden muss" redet. Was ist denn deutsche Kultur? Arbeiten, Prozesse, Peitsche und hochnervös am Kofferband stehen?
Es macht was mit mir. In mir formt sich der Wunsch nach Freiheit. Keine Freiheit für mich, ich habe viel Freiheiten, sondern eine freie Gesellschaft. Ja, auch in anderen Ländern gibt es Probleme. Aber die Gesellschaft funktioniert oft.
Ich sprach mit meiner Freundin darüber. "Denk dran, dass wir in Köln beim Pizzaessen mit den Leuten da schöne Gespräche hatten", sagte sie. Und sie hat recht, aber mit Deutschen habe ich nicht gesprochen.
Hier muss ich kurz stoppen. Ich glaube nicht, was ich fühle. Würde ich es glauben, dann hätte der Text eine andere Note oder würde gar nicht existieren. Nein, das, was ich beschreibe, sind nur Eindrücke, Erfahrungen. Nicht die Wirklichkeit.
Da stecken Schemata in meinem Kopf. Diese Schemata greifen schnell und hart, wenn ich etwas beobachte. Vielleicht gibt es "deutsche Schemata", die wir alle im Kopf haben und die uns beeinflussen?
Die Medien sind voll von Krise, Geld, Migranten, Trump, Neid, Woke, Feminismus. Aber auch in anderen Ländern gibt es diese Themen. Was ist es also?
Ich weiß es nicht. In solchen Situationen würde ich meinem Bauch vertrauen. Aber ist es sinnvoll, auf seinen Bauch zu hören, wenn Schemata im Kopf nach Selbstbestätigung verlangen? Falls es solche Schemata gibt, wie können wir wissen, ob unser Bauch und unsere Meinungen Erkenntnisse bringen, oder nur das Schemata bestätigen? Plappern wir den ganzen Tag nur nach, was uns beigebracht wurde?
Ich bin bei Leuten mit Antworten vorsichtig. Wir haben reichlich Leute, die einfache Antworten auf Dinge liefern, die gar nicht so einfach sind.
Das Thema ist nicht technisch. Apps, Prozesse oder Studien werden uns vielleicht von unserem Alltag ablenken, aber wie sollen diese Dinger uns bei menschlichen Problemen helfen?
Texte und Geschichten können uns helfen, wenn sie sich mit der Frage beschäftigen. Dieses Jahr werde ich eine Geschichte veröffentlichen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen will. Sie heißt Dreck.