Kurzgeschichte

Neuer Gott

Normalerweise gehe ich spät ins Bett und stehe spät auf. Solange nichts Wichtiges ansteht, erlaubt es mir mein Job, zu kommen und zu gehen, wann ich will. Diese Woche sollten die K.I.-Systeme gewartet werden, also Installationspakete bereitstellen, Festplatten von Logfiles aufräumen und jedes Subsystem aktualisieren. Ein heikles Thema in der Firma.

Der Hersteller hat eine gute Anleitung beigefügt, sogar mit Zeitplänen und welche Dinge ich wann vorbereiten konnte. So konnte ich über die Woche verteilt schon etwas machen, aber es sollte nicht so viel Verkehr auf den Systemen herrschen, also stand ich um 5 Uhr auf. Die Abende sind mir heilig.

Der Job war nicht sonderlich kompliziert. Ich ging in mein Büro und prüfte alles mehrfach, bevor ich meinen Laptop nahm und den Serverraum betrat. Der Raum konnte sich sehen lassen. Die Klimaanlage dröhnte nicht so stark und hielt alles auf angenehmen 10 Grad. Der Raum hatte CO₂-, Wasser- und Hitzesensoren. Man musste sogar durch eine Schleuse, die ich immer Staubsauger nannte, weil sie eine Minute lang versuchte, alles an Schuppen, Haaren und was man sonst am Leib hatte, wegzumachen, bevor man in den Raum gelangen konnte.

Ich trottete durch die Reihen an Serverschränken. Wir hosten unsere eigene Cloud-Lösung, was uns alle stolz macht. Hat nicht jede Firma. Die K.I.-Systeme hatte das Management gesondert angeschafft: dicke Maschinen mit Unmengen an GPUs drin und einer speziellen Stromversorgung. Die Systeme waren allein schon beeindruckend. 

Aber etwas stimmte nicht. Zwei rote Dinger standen auf den Servern. Ich ging näher und erkannte zwei Kerzen. Was machten zwei Kerzen hier? Ich nahm sie in die Hand. Sie waren nicht sonderlich schwer, diese billigen Dinger aus der Drogerie halt. 

Jemand hatte sie sogar angezündet. Reste von Streichhölzern lagen auf dem Boden. „What the fuck?“, murmelte ich. Wieso machen wir uns hier die Mühe, den Raum staubfrei zu halten, wenn jemand hier mit Kerzen herumspielt? Dass der CO-Melder nicht angesprungen ist, grenzt an ein Wunder. 

Vielleicht war es ein schlechter Scherz und ich wollte Jim, meinen Abteilungsleiter, darüber informieren. Vielleicht wusste er etwas. Jim war ein drahtiger Typ Mitte 40 mit einem Faible für Flanellhemden und Jeans. Er trug die Klamotten zu jeder Jahreszeit. Ich mochte ihn, weil er so pragmatisch war und einen trockenen Humor besaß.

„Hey, wofür brauchst du die Kerzen? Musst du für das Update eine Beschwörung abhalten?“, sagte er sofort, als er die Kerzen in meiner Hand bemerkte. 

„Sehr witzig, wirklich“, sagte ich leicht angefressen, „und dir auch einen guten Morgen. Weißt du was darüber? Ich habe die Kerzen auf den Maschinen gefunden. Jemand hat sie im Serverraum angezündet.“ 

Jim sah mich an. „Was weiß ich? Mich nervt das Management jeden Tag wegen des Updates. Ich muss immer wieder nach oben und ihre Fragen zum Zeitplan beantworten. Ich schaff’s nicht mal zum Mittag, wie soll ich mich um den Serverraum kümmern?“, Jim hob die Arme – „Das Management drängt auf ein schnelles Update, am besten heute.“

„Schon wieder?“, sagte ich. Jim nickte.

„Dann wieder das Übliche: Klar, machen wir, aber dann gehen die Server vom Netz – heute und vielleicht auch morgen für eine Weile. Jetzt passt es ihnen wieder, dass du am Wochenende noch einmal reinkommst.“

„Ach du Armer“, ich stellte ihm die Kerzen auf den Tisch, „hier hast du etwas Romantisches“. 

Er grinste. „Schau mal, ob du was auf den Kameras findest“, sagte er zu mir, und ich ging in mein Büro.

Gesagt, getan. Der Serverraum wurde 24/7 videoüberwacht und ich loggte mich auf dem Videoserver ein und durchsuchte das Material. Schnell fand ich, was ich suchte. Zwei Personen, Männer in Anzügen, gingen mit einer Tüte in den Raum. Ich vermutete, dass da drin die Kerzen und Streichhölzer waren. Der Kleidung nach, waren es Leute von oben. Ich rief Jim, und zeigte ihm, was ich gefunden hatte. 

„Die sind echt verrückt“, murmelte er. „Das sind zwei von der Kundenbetreuung. Ben und, wie hieß der andere noch, Jenkins? Die beiden machen locker 100k im Jahr.“

„Wollen wir mit denen reden?“, fragte ich ihn.

„Auf keinen Fall.“, sagte Jim, „Lösche die Aufnahmen. Besser, wir vergessen den Scheiß, als Ärger zu kriegen.“

Die restliche Woche verlief ereignislos. Wir arbeiteten an den alltäglichen Sachen und ich vergaß sogar die Kerzen, die Jim irgendwann in die Küche gestellt hatte. Am Wochenende klingelte dann mein Wecker. 7 Uhr. Ich wollte es einfach nur hinter mich bringen. 

Also ging ich runter in den Serverraum. Der Laptop stand schon da und drei Männer, sowie zwei Frauen. Letzteren war schon sichtlich kalt. Sie trugen alle Kostüme, als ob wir hier gleich eine feine Party abhalten würden. 

„Was machen Sie denn hier?“, wollte ich wissen.

„Wir wünschen, dem Update beizuwohnen. Das Event quasi hautnah erleben und ihre Kunst bewundern“, sagte ein Mann und ging auf mich zu. Dass sich niemand vorstellte, machte mir Sorgen. Der Mann kam mir bekannt vor. Es war dieser Jenkins, den Jim und ich auf den Überwachungsvideos gesehen hatten. 

Er sah meinen Blick und blieb stehen.  Mit leichtem Grinsen rückte er seine Brille zurecht, ein teures Modell. Das Goldkettchen am Handgelenk wurde sichtbar. Er ging wieder zum Server zurück. 

„Sie können das Ergebnis Montag …“, fing ich an, wurde aber harsch abgewürgt. „Montag? Wir sind alle hier! Gestern im Management-Board haben wir beschlossen, dass dieser Tag die Aufmerksamkeit des Managements bedarf“, sagte der Mann und seine Leute nickten bestätigend. 

Die anderen hatten sich links und rechts vor dem Server aufgestellt, alle im feinsten Zwirn und mit ernster Miene. Ich starrte sie an und versuchte, das Gefühl loszuwerden, zu meiner eigenen Beerdigung gekommen zu sein.

„Ihr seid vom Management?“, fragte ich ungläubig. Alle nickten wieder. In meinen ganzen Jahren in der IT hatte ich keine Augenzeugen, und schon gar nicht wollten irgendwelche Leute mir am Samstag um 8:30 Uhr über die Schulter schauen, wie ich Softwaresachen machte.

Ich seufzte. „Okay“, sagte ich, „aber machen Sie keine Kerzen an. Sonst geht der CO-Melder los und sie müssen der Feuerwehr erklären, was sie hier machen.“ Die Gruppe war sehr enttäuscht. 

„Natürlich. Sie leiten das Ritual“, sagte der Anführer. „Beginnen Sie mit dem, was Sie auch immer tun müssen.“

Eine Frau tippte ihn auf der Schulter an und flüsterte ihm was ins Ohr. „Wir wollen lernen“, ergänzte er daraufhin. Ich schaute die Frau an. „Sie können auch mit mir …“, doch der Anführer unterbrach mich.

„Ich bin der Gesamtverantwortliche unserer Unternehmung hier. Wenn Ihre Anfrage einen meiner Bereichsmanager betrifft, leite ich sie weiter. Bis dahin sprechen Sie mit mir“, sagte er und er machte sich dabei breiter, als er in Wirklichkeit war. 

„Na, du hast deinen Stall ja im Griff. Was bist du? Ein kleiner Diktator?“, dachte ich mir. Ich nickte aber nur und sagte nichts.

Ich schob mich an dem Mann vorbei und setzte mich auf den Hocker, den Laptop auf dem Schoß. „Könnten Sie alle ein wenig Abstand wahren? Danke“, sagte ich zu den Hosen, auf die ich nun starren musste. 

Ich startete meinen Laptop und loggte mich ins System ein. Die Maschine schaltete auf Wartung, was sie mit einem RGB-Farbcode von außen bestätigte. Auf einmal fing jemand an zu singen. Ich verstand nur „Spürt die Macht unseres Herren und Meisters, sein Hohepriester sendet Mut!“. Und die Truppe rief: „Mut!“ 

Vor Schreck fiel mir der Laptop fast vom Schoß. Die Truppe war noch nicht so sicher in ihrer Liturgie, also sang der Anführer vor und gab mit seiner Hand Anweisungen, sollten die anderen etwas wiederholen.

„Seid ihr wirklich vom Management? Von einer satanischen Sekte wohl eher. Das glaubt mir niemand“, schoss es aus mir heraus und ich zwang mich die Panik runterzuschlucken.

Der Anführer beugte sich über mich. „Sie werden schon belohnt. Also bitte. Das Ritual muss weitergehen.“

 „Dann, äh, bitte etwas leiser“, bat ich. Das war das Einzige, was mir einfiel. Ich wollte das Update schnell hinter mich bringen und dann in eine Kneipe. „Der hohe Priester erbittet Ruhe!“, der Anführer baute mich einfach in seine Liturgie ein. „Ruhe“, wiederholten die anderen, nur deutlich leiser.

Ich tippte hastig die notwendigen Befehle ins Terminal und verfluchte jede Wartemeldung und jeden Ladebalken. „Erzähl uns, was das Wesen uns zu sagen hat“, flüsterte der Anführer mich an. Ich sah ihn fragend an. Sein Gesicht war knallrot und er schwitzte stark. „Der Server schaut, ob das Netzwerk stabil ist und alle Pakete verteilt werden“, sagte ich. Der Anführer hob die Hände. „Seht, er spricht mit dem Wesen“, rief er, und alle hoben die Hände. „Es spricht mit uns!“

Endlich war das Update durch. Der Server zeigte wieder Betriebsbereitschaft an. „Fertig“, sagte ich und wollte in aufkommender Panik aus dem Raum fliehen. „Wartet“, rief diesmal eine der Frauen, und der Anführer schaute sie böse an. „Lasst es uns testen“, sagte dann der Anführer und nahm mir den Laptop aus der Hand. 

Sie loggten sich ins System ein. Ich stand daneben und starrte sie an. „Oh seht, Brüder und Schwestern. Eine Sprachfunktion“, sagte der Anführer. Und dann kamen die Fragen. Die Fragen waren für sich gesehen, vielleicht nicht so schlimm. Vielleicht hatten einige von uns die Fragen schon mal einer K.I. gestellt, nachts, heimlich und vielleicht betrunken. Doch dies hier waren Manager, Leute mit Verantwortung im Serverraum.

„Oh K.I.! Sag mir, was ich tun muss, damit man meine Monatsreports besser versteht“, fragte einer der Männer. Die KI antwortete. „Oh Manager, Lenker von Welten…“ Mir klappte die Kinnlade runter. 

Ein weiterer stellte eine Frage: „Oh, K.I.! Die Geschäftsführerin eines unserer Zulieferer scheint mich zu mögen. Ich möchte sie verführen, damit ich einen besseren Abschluss bekomme.“ Die KI nahm es hin und beantwortete die Frage einfach. „Lasse deinen Samen nicht zum Nachwuchs heranreifen“, säuselte die mechanische Stimme.

Die anderen schauten den Fragenden an, ich dachte, sie würden ihn für die Frage jetzt maßregeln. Aber alle beglückwünschten ihn und die K.I. antwortete wieder in einem „Orakel-von-Delphi“-Ton. 

Langsam entfernte ich mich von der Truppe. Sie achteten auch nicht mehr auf mich, sondern stellten ihre Fragen, hoben die Hände und riefen auch mal ein lautes „Halleluja“. 

Auf dem Weg nach draußen hörte ich noch eine Frau fragen: „Oh heilige KI. Ich muss einen meiner Angestellten loswerden. Wie kann ich ihn zur Kündigung drängen, ohne eine Abfindung zu zahlen?“ 

„Dränge ihn, dich zu begehren, und lasse ihn dann fallen, und dann …“

Die Schleusentür schloss hinter mir und ich konnte die ganze Antwort nicht mehr hören. Ich war sehr froh darüber.

Über das Wochenende versuchte ich, das alles zu vergessen, aber ich konnte nicht. 

Am Montag war ich wieder sehr früh im Büro, saß vor meinem Schreibtisch und trank den dritten Kaffee. Der Laptop lag noch im Serverraum und ich wagte es nicht, runterzugehen. Ich hatte keinen Bock darauf, ein Pentagramm auf dem Boden, viele Kerzen und vielleicht sogar ein Menschenopfer vorzufinden. 

Jim kam in das Büro. „Hey, das Management möchte dir für deine Wochenendarbeit danken. Sie haben einen dicken Bonus für dich vorgesehen.“

Ich nickte. „Dachte ich mir“, sagte ich. 

„Was soll das denn heißen?“, fragte mich Jim. Ich wusste, dass er Dankbarkeit erwartete. 

„Erinnerst du dich noch an die Kerzen?“, wollte ich von ihm wissen.

„Jetzt komm mir nicht mit der Scheiße“, sagte er genervt.

„Doch, die Scheiße. Ich hatte am Wochenende Besuch im Serverraum. Das war ziemlicher Horror. Jim, die beten den Server an!“

„Anbeten?“

„Ja, anbeten. Schau dir die Kameraaufzeichnungen an“, forderte ich ihn auf.

„Und was sehe ich da?“

„Schau nach“, sagte ich und sah wieder zum Fenster. Jim blieb noch eine Weile fassungslos stehen, bevor er in seinem verschwand.

Er kam wieder zu mir. 

„Ich verstehe. Wir sollten es wieder löschen“, sagte er. „Ich werde das wieder richtigstellen.“

„Und was willst du jetzt machen?“, wollte ich von ihm wissen.

„Sie haben mich gefragt, ob ich technischer Berater für sie werde.“ Jim war stolz.

„Du wirst Manager?“, sagte ich ungläubig.

„Ja, du, wir müssen für die Menschen da sein. Sie brauchen Hilfe, Orientierung. Die KI hilft ihnen, mit der Verantwortung umzugehen. Sie brauchen mich“, sagte Jim und riss dabei seine Augen auf.

„Das KI-Update war nicht der einzige Grund, mit denen da oben zu kuscheln, hm?“, sagte ich. 

„Ach komm. Du bekommst die Abteilung! Ich werde dich vorschlagen. Da ist eine Menge Kohle für dich drin“, sagte er im versöhnlichen Ton.

„Jeder muss seinen Weg gehen.“, sagte ich ihm, stand auf und verließ das Büro, um nie wiederzukommen.

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