Es selber machen
Alles verfügbar zu haben heißt nicht, alles wissen oder richtig einschätzen zu können.
Dennoch begegnet mir oft die Annahme, genau das sei der Fall. Dieser Effekt ist gut bekannt: Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt, wie leicht Wissen überschätzt wird, wenn die Erfahrung fehlt, um die eigenen Grenzen zu erkennen.
"Die Informationen sind alle verfügbar" so die einhellige Meinung meiner Umgebung. Und es stimmt: Heute haben wir zu allen denkbaren Themen Informationen frei verfügbar. Was bedeutet diese Flut von Informationen?
Meine Aufgaben als ITler begannen mit Projekten, in denen es um einzelne Probleme und Produkte ging, nicht um Konzepte und Methodiken. Sie kommen zu denselben Ergebnissen: "Es muss laufen", "Wir kaufen ein Produkt"
Dadurch entstanden eine Menge Probleme. Es bedarf einer gewissen IT-Methodik, z. B. Systemmuster, Systemdenken und Komplexitätstheorie. Leider sind diese Methodiken weitgehend unbekannt. Die Leute haben sie nicht gelernt und brauchen sie in ihrem Arbeitsalltag nicht.
Das heißt nicht, dass die IT-Methodik nicht notwendig ist. Ich kann auch Stromleitungen oder Rohre verlegen und die Wände streichen. Aber ich habe es nicht gelernt. Meine Stromleitungen verkokeln mir langsam die Wand. Die Rohre schwitzen bei Frost. Und bei gutem Wetter sehen meine Wände furchtbar aus.
Nur, weil wir etwas wissen, bedeutet es nicht, dass wir das Handwerk beherrschen. Unser "stümperhaftes" Verhalten kann in Zukunft zu ernsthaften Problemen führen.
In der IT gibt es dann meistens interne Excel-Listen oder "quasi-geheime" Absprachen, Schattenprozesse, die von den Mitarbeitern eingerichtet werden, damit sie ihre Arbeit bewältigen können, mit dem Ergebnis, dass Menschen überfordert werden, langsamer werden und sich schnell Fehler einschleichen, die Kosten hoch treiben.
Das Gleiche gilt bei Finanz- oder Versicherungssachen. Es ist eine Sache, die Produktinformationen zu haben, eine andere aber, die Informationen mit gesetzlichen oder marktrelevanten Zusammenhängen zu verbinden.
Wir haben nicht ohne Grund ein Ausbildungssystem, das diese Methodiken vermitteln soll. Es hat einen Grund, wieso wir Jahre in Ausbildungssysteme investieren und nach der Ausbildung uns auch weiterbilden müssen, damit die Sachverhalte klar und sicher sind.
Natürlich können diese Spezialisten Fehler machen. Kritisches Fragen und Arbeiten mit den Spezialisten ist wichtig. Man kann deren Antworten nicht einfach wegkonsumieren, sondern sollte ein gewisses Verständnis bekommen.
Es ist wichtig, dass wir unsere Spezialisten als solche verstehen. Es passiert viel zu selten. Gerade werden ganze Nationen und Unternehmen auf Basis von Meinungen und Befindlichkeiten geführt. Die Diskussionskultur klammert zu oft die Spezialisten aus. IT-Projekte scheitern oft, weil die Spezialisten nicht richtig eingesetzt werden. Was bringt es, einen Spezialisten zu haben, wenn mit ihm nicht als Spezialist gearbeitet wird?
Wenn du alles verstehen willst, hast du ein ernstes Problem. Du wirst mit den Spezialisten Probleme bekommen, wenn du sie nicht als solche respektierst und deine eigenen Grenzen nicht kennst.
Ich bin froh, nicht alles zu wissen, meine Zeit ist mir zu kostbar. Jetzt rufe ich meinen Steuerberater an, weil ich nichts von dem Steuerthema hören mag. Er ist mein Spezialist.